Konsumismus im Brettspielhobby - ein Meinungsartikel
- Swaglord Lary
- 5. Aug.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. Aug.
Konsumismus, der:
Lebenshaltung, die darauf ausgerichtet ist,
das Bedürfnis nach neuen Konsumgütern
stets zu befriedigen
(Definition laut duden.de)
Die Welt, in der wir leben, basiert auf dem Wirtschaftssystem des Kapitalismus. Ich denke, ich brauche niemandem von euch zu erzählen, welch ausbeuterische und zerstörerische Folgen diese Art des Zusammenlebens nach sich zieht. Auch unser aller wunderschönes Hobby ist nicht davor gefeit, basiert es doch ebenfalls darauf, ein gutes und damit hoffentlich möglichst erfolgreiches Spiel zu entwickeln und anschließend zu verkaufen.

Wir alle, die wir diesem Hobby frönen, möchten nicht weniger als gute Brettspiele spielen. Doch auch im Brettspielhobby nimmt der Kapitalismus in Form von Konsumismus unter meinen Interessensgenoss*innen bisweilen groteske Züge an. Über die teils geradezu absurden Ausmaße des gedankenlosen Konsums möchte ich in diesem Blog-Beitrag meine Gedanken ordnen. Die Geldgier der Verlage werde ich nur in Beisätzen erwähnen – in diesem Beitrag geht es rein um die Konsumierenden, denn die Missetaten der Produzent*innen wurden oft genug an anderer Stelle besprochen.
Ich habe für diesen Beitrag die Stilrichtung ‚Rant‘ – oder auf Deutsch ‚Tirade‘ – gewählt. Diese kommt mit mehr Meinung als Fakten daher und ist in großen Teilen bewusst überspitzt. Das Thema wird im Folgenden zweifellos als wichtiger erscheinen, als es mir tatsächlich ist. Dabei habe ich gegen keine Person etwas, die ihr gesamtes verfügbares Einkommen für Miniaturen ausgibt. Jedoch möchte ich dazu anhalten, in Zukunft bewusster zu kaufen und nicht auf jeden Hypetrain aufzuspringen. Wenn dieser Beitrag auch nur einen Menschen dazu bringen wird, einen Kickstarter weniger zu backen, hat sich die Mühe bereits gelohnt – womit wir schon beim Thema wären…
Kapitel 1: Die Kickstarter-Kaputtniks
„Bro, Alter! Hast du den neusten Kickstarter von Awaken Realms gesehen?! Diese Miniaturen, Bro! Und die Karten sind übelst premium! Und das Stretchgoal für 50 Millionen Dollar ist die ultraexklusive Special-Aktionskarte für eine der zwölf asymmetrischen Fraktionen! Man braucht diese Karte, sonst ist dieses Spiel einfach nicht komplett. Unspielbar! Ich habe das Regelbuch gelesen, Bro, vertrau mir, es ist so gut. Du verstehst es nicht, Bro. Das wird das geilste Spiel des Jahres, wenn nicht gar des Jahrzehnts! Und man braucht UNBEDINGT den All-In-Pledge! Der kostet diesmal auch nur 199 Dollar plus Versand, Steuern und Zoll! Manchmal frage ich mich, ob Awaken Realms nicht doch ein Wohltätigkeitsverein ist, der uns alle zu Schnapperpreisen mit unglaublich guten Spielen versorgen will! Was meinst du, Bro, mit ‚Du bist ja komplett lost?‘ Warum nennst du mich einen Kaputtnik, Bro?“
Mit Sicherheit habe ich den geneigten Crowdfunding-Experten auf geradezu zynisch stereotype Weise dargestellt. Aber wir alle kennen sie, die Kickstarter- und Gamefound-Genießer unserer Clique, die immer dem nächsten heißen Scheiß, den heftigsten Miniaturen und den größten Erweiterungspaketen hinterherjagen. Der Kickstarter-Kaputtnik benötigt seinen täglichen Schuss Crowdfunding-Kampagne wie ein gescheiterter Banker am Frankfurter Hauptbahnhof seinen Heroinfix. Den lieben langen Tag schwadroniert er über das nächste Projekt, während zuhause der Pile-of-Shame inzwischen fast dreistellig geworden ist.
Doch was ist so reizvoll daran ein Spiel zu kaufen, das wahrscheinlich erst in Jahren den heimischen Brettspieltisch erreichen wird, das bereits zur Veröffentlichung mit gleich zehn Erweiterungen daherkommt, das teurer ist als mein Körpergewicht in Gold (und ich bin mitnichten schlank!) und am Ende nur vielleicht gut wird?
Als ich vor fünf Jahren angefangen habe, Brettspiele zu kaufen, ist mir bei solch einer reichhaltigen Auswahl an verfügbaren Spielen niemals eingefallen, die Katze im Sack kaufen zu wollen, nachdem ich den Hype um Crowdfunding schnell mitbekommen hatte. Auf jeder Brettspiel-Con warnten mich Menschen, die diesem Hype längst verfallen waren, eindringlich davor, mit Kickstarter anzufangen. Doch bis auf zweimal, bei denen ich mit dem jeweiligen Spielsystem bereits vertraut war, habe ich niemals auch nur den Anflug des Verlangens verspürt, einem etablierten und reichen Verlag wie Awaken Realms oder vormals CMON Geld in den Rachen zu werfen als Belohnung dafür, dass sie das Risiko auf die Konsument*innen abwälzen.
Sicher hätte es einige Spiele, die ich liebe, ohne Crowdfunding nie gegeben, daher bin ich hin und wieder dankbar, dass es einige dieser Kaputtniks gibt, die dafür sorgen, dass auch ich diese Spiele irgendwann zu Gesicht bekomme. Aber es existieren genug Spiele, die auf ganz normale Art von Verlagen auf verbraucherfreundliche Weise veröffentlicht werden.
Deshalb könnte ich gut und gerne damit leben, wenn jede einzelne Crowdfunding Seite, die es da draußen gibt, von einem auf den anderen Tag für immer abgeschaltet werden würde.
Kapitel 2 – Ich brauche alles, und zwar sofort
Hin und wieder frequentiere ich die Subreddits einiger meiner Lieblingsspiele wie Spirit Island oder Arkham Horror LCG. Das sind beides sehr contentlastige Spiele mit vielen Erweiterungen. Dabei stoße ich regelmäßig auf Posts von Menschen, die dafür auf die Schulter geklopft bekommen möchten, dass sie vom entsprechenden Spiel ALLES angeschafft haben – komplette Kollektionen im hohen dreistelligen bis sogar niedrigen vierstelligen Bereich, Blingbling inklusive – ohne das Spiel vorher je auch nur ein einziges Mal gespielt zu haben.
Da frage ich mich, wie man eigentlich so wenig Bezug zum eigenen Geld haben kann, dieses einfach wie Altpapier zu verbrennen. Natürlich, es könnte dein neues Lieblingsspiel werden, aber genauso gut könntest du es hassen oder nur so mittelmäßig finden. Um das in Erfahrung zu bringen, musst du mitnichten über 1.000 € bezahlen, sondern einfach ein Grundspiel für etwa 50 € kaufen. Selbst darin stecken – je nach Spiel – schon einige Dutzend bis einige hundert Stunden Spielspaß. Außerdem lässt sich das Grundspiel bei Nichtgefallen auch um einiges leichter verkaufen als eine riesige Sammlung.
Auch ist bei solch einer Investitionssumme die Sunk Cost Fallacy viel höher ausgeprägt: wenn ich in etwas so viel investiert habe, MUSS ich es ja gut finden (selbiges Phänomen ist auch bei den o.g. Kickstarter-Kaputtniks weit verbreitet). Im schlimmsten Fall quält man sich also über viele Partien mit einem Spiel, das eigentlich schon bei der ersten, zweiten und dritten Partie missfallen hat.
Ich finde nicht, dass solch ein blindes und verschwenderisches Konsumverhalten gelobt – oder auch nur gutgeheißen – werden muss.
Kapitel 3 – Kaufen über Spielen
In jedem Review jemals wird der Wiederspielwert der besprochenen Spiele diskutiert. Sicher ist dieser nicht für jeden interessant, aber oft genug spreche ich mit Menschen aus dem Hobby, die den Wiederspielwert irgendeines Spiels kritisieren, während sie dafür bekannt sind, ein gegebenes Brettspiel ein Mal anzuspielen und danach – selbst, wenn es gefallen hat – auf Nimmerwiedersehen im Regal verrotten zu lassen. Und das, weil es ihnen in Wahrheit nicht darum geht, in einem Spiel durch häufiges Wiederspielen Tiefe zu ergründen, sondern darum, immer wieder einen neuen Adrenalinkick durch ein neu entdecktes Spiel zu spüren – woran an sich erstmal nichts verkehrt ist.
Ich aber finde, dass die meisten Spiele erst dann richtig gut werden, wenn man sie einige Male gespielt hat und auch über Jahre immer wieder rausholt, um immer neue strategische Möglichkeiten zu entdecken. Eben genau das, was mit der Wiederspielbarkeit häufig diskutiert wird, aber für einen großen Anteil der Spielenden aufgrund zuvor genannten Phänomens gar nicht von Bedeutung sein dürfte.
Wenn man anfängt, sich mit modernen Brettspielen zu beschäftigen, eröffnet sich erstmal ein ganz neues Universum an Möglichkeiten. Selbstverständlich kenne ich auch von mir selbst, dass man zu Beginn erstmal alles heranschafft, das nur ansatzweise interessant klingt. Als wir 2020 unsere Brettspielgruppe gründeten, kam jede Woche ein neues Spiel auf den Tisch. Es war faszinierend und wundervoll, diese ganzen verschiedenen Spiele zu entdecken, aber es stellte sich doch irgendwann nach einem halben Jahr eine Ermüdung ein, jede Woche neue Regeln lernen zu müssen. Die Fluktuation an neuen Spielen wurde langsam geringer: es kam nur noch jede zweite Woche ein neues Spiel auf den Tisch und wir fingen an, unsere strategischen Kenntnisse in bereits bekannten Spielen zu vertiefen. Fünf Jahre später kommt bei uns etwa ein Mal im Monat ein neues Spiel auf den Tisch und so finde ich es für mich perfekt: wir entdecken hin und wieder etwas Neues, aber spielen trotzdem viele bereits bekannte, tolle Spiele, die auch nach einem Dutzend Partien noch neue Taktiken bergen und jedes Mal aufs Neue Spaß machen.
In diesem Zusammenhang erschließt sich mir persönlich auch nicht das wahllose Ansammeln und Horten von Spielen und der tiefe Glaube, jedes Spiel für irgendeine hochspezifische Situation zu benötigen, anstatt es so schnell wie möglich unter den Hammer zu bringen. Bereits zu Beginn habe ich mich extrem schnell von Brettspielen verabschiedet, die ich nur so ok oder noch schlechter fand (so habe ich ein Spiel – sehr zur Belustigung meiner Mitspielenden – bereits während der Erstpartie zum Verkauf eingestellt und noch vor Ende der Partie verkauft). Relativ bald war ich an einem Punkt angekommen, an dem Spiele die ‚nur‘ gut sind, keinen Platz mehr in meinem Regal hatten. Ich möchte nur Spiele in meinem Regal haben, die wirklich außergewöhnlich gut sind.
Und aus ebendiesen Gründen blicke ich mit gemischten Gefühlen auf riesige Sammlungen mit 150, 200 oder mehr Spielen. Natürlich ist es toll, so eine vielfältige Auswahl zu besitzen. Doch manche dieser Spiele werden höchstwahrscheinlich nach der ersten Partie nie wieder auf den Tisch kommen, andere vielleicht alle drei Jahre mal. Deswegen ist es vielleicht gar nicht übel, hin und wieder einmal zu überdenken, ob man all diese Spiele wirklich braucht und ob man nicht einfach seine ‚alten‘, bereits gut erwiesenen Spiele häufiger auftischen kann und diesen Spielen die Aufmerksamkeit schenken kann, die sie verdienen – anstatt immer und immer neues Material heranzuschaffen, das schlussendlich ein Mal auf den Tisch kommt und danach nie wieder. Vielleicht reicht es auch, das nächste Spiel einfach mal zu spielen, statt es zu kaufen.
Danke fürs Lesen, euer Swaglord Lary ✌️
_______________________________
Zum Autor:
Ich heiße im echten Leben Jakob, bin seit 2020 im Brettspielhobby und hasse leidenschaftlich Area-Control-Spiele sowie, meine Zeit mit mittelmäßigen Spielen zu verschwenden. Spirit Island ist das beste Spiel der Welt.
Habe ich das nur so wahrgenommen, oder haben doch weniger Leute als gedacht auf den Artikel reagiert? Vielleicht, weil sich jeder kurz einmal angesprochen gefühlt hat. Peinlich berührt bleibt man dann zurück und verharrt wie ein Reh im Lichtkegel – bis man auf der Frontscheibe eines Opel Corsas landet. Selbst der Autor hat wahrscheinlich gerade eigenen Schaden genommen, weil auch er sicher einen Schuss aus seinem eigenen Gewehr in Kauf nehmen musste.
Im Gegensatz dazu sehe ich das Ganze gar nicht so kritisch, denn wie immer liegt die Wahrheit irgendwo im Graubereich dazwischen. Wir leben schließlich alle nicht nach unseren absoluten Werten. Wie schlimm wäre es, wenn ich mich nie bigott verhalten würde? Wie unehrlich wäre ich dann mir selbst…
Fühle mich definitiv repräsentiert in deiner Darstellung, wobei es mittlerweile schon abgeflaut ist. Gerade beim Thema Kickstarter habe ich bereits dieses Jahr (mein 3. im Hobby, nicht mal ganz) schon deutlich runtergefahren und bin da auch eher bei "Spiele von kleinen Verlagen/Erstautoren, die so eine Chance bekommen produziert zu werden" als bei den großen Kampagnen (lasst uns mal über Lands of Evershade hinwegsehen, ja!?). Aber da spielen natürlich noch gewisse andere Aspekte mit rein, also mein Konsumismus beschränkt sich da nicht nur auf Brettspiele. Gutes Marketing und schwere private Zeiten und bam - Geld weg. Jedem mit einem Restfunken Selbstkontrolle sei dieser Eintrag aber ans Herz gelegt, es gibt so viele Spiele die in der Grundfassung dutzende Stunden Spaß bringen…
Vielen Dank für den tollen Beitrag! ❤️ Ich sehe ihn keinesfalls als Rant oder Angriff, sondern eher als ehrliche Meinung und das zudem noch sehr unterhaltsam verpackt 😀 Und ich kann all deine Punkte absolut nachvollziehen. So richtig bewusst wird mir der Konsum jedes Jahr auf der SPIEL Messe, wenn hunderte Leute Sackkarren voller Spiele im Stundentakt aus der Halle fahren und keinen Plan davon haben was sie da eigentlich gerade kaufen. Vor zwei Jahren hat mich das so negativ geprägt, dass ich nahezu nichts auf der Messe kaufen wollte.
Wenn man sich ein paar Stimmen der anderen Seite anhört, stößt man auch hin und wieder auf die Aussage, dass neue Spiele kaufen wie ins Kino gehen ist. Man läuft…
Treffer versenkt, also zumindest in Kapitel 2 und 3. Von Carcassonne muss ich einfach alles haben. Am Ende des Tages spiele ich aber nur 2 Spieler Partien Grundspiel mit Fluss. Das geht jetzt seit fast 25 Jahre so. Aus dieser Spirale komme ich wohl nicht mehr raus (Re-Release aller Erweiterungen im neuen Design steht im Oktober an). Zu 3. Klar, ideal wenn man eine Spielegruppe hat mit der man Wiederspielbarkeit strapazieren kann. Ich möchte/muss auch die Wenig/Nichtspieler mitnehmen und habe deswegen auch Spiele da, die nicht außergewöhnlich sind. Bzw. Hab ich halt ein Spiel mehr da, als es für einen 5er zu verramschen. Dazu noch meine Dynamo-Brettspielumbauten, die eh Unikate und damit unverkäuflich sind :-) Danke für den Artikel und de…